Ideen und Forderungen zum Nutzen und Erhalt der Straußsiedlung in Duisburg-Neudorf

Wie mit der Gebag in unserem Gespräch am 14.12.2017 vereinbart, haben wir unsere Forderungen, Ideen und Vorstellungen zusammengefasst und dokumentieren sie hier für die Öffentlichkeit.

 

IDEEN ZUR NUTZUNG UND ZUM ERHALT DER STRAUSSSIEDLUNG IN DUISBURG-NEUDORF

1. Wünsche und Vorstellungen der jetzigen Bewohner*innen

2. Reparieren statt Sanieren

3. Projektideen der Straußhaus-Initiative

4. Sozialökonomische und politische Forderungen

1. Wünsche und Vorstellungen der jetzigen Bewohner*innen:

Insbesondere geht es uns dabei um den Wohnblock mit den Hausnummern 13 und 15,der noch von zwei Mietparteien  bewohnt wird. Den Mieter*innen ist es wichtig, dass ihre Wohnungen in der jetzigen Form, abgesehen von den notwendigen Reparaturen, bestehen bleiben. Für die drei leerstehenden Wohnungen gibt es bereits Interessenten, nämlich der Sohn, die Tochter und der Onkel der dort bereits wohnenden Familie A. Die beiden Kinder sind in der Siedlung aufgewachsen und würden gerne dort mit ihren Familien einziehen. Familie A. wohnt schon mehr als 40 Jahre in der Siedlung. Herr A. ist an Demenz erkrankt und kann sich in einer neuen Umgebung nicht zurechtfinden. Es ist für die Familie daher von großer Bedeutung, die Wohnung weiterhin mieten zu können.

Unsere Idee ist, diesen Wohnblock als eine Art „Straußsiedlung-Museum“, in dem ursprünglichen Baustil der 1920er Jahre vollständig zu erhalten und nur die notwendigsten Reparaturen in Absprache mit den Mietern durchzuführen.

Eine Mieterin und Prof. Roland Günther haben dazu ein Dossier zur Dokumentierung der denkmalwürdigen, bautechnischen Besonderheiten der Straußsiedlung-Wohnung Haus Nr. 15 und der Gestaltung der gesamten Siedlung verfasst.

Das Treppenhaus, Straußstr. 15

Hier befindet sich eine fast 100 Jahre alte, gut erhaltene Holztreppe mit dem Original-Treppengeländer. Dieses Treppengeländer zeichnet sich besonders durch eine Holzsäule aus, die das Geländer stützt. Auch das Geländer ist in sehr gutem Zustand. Diese Art der Treppenhausgestaltung ist typisch für die 1920er Jahre, aber eben auch sehr außergewöhnlich, da man sie kaum noch vorfindet.

Auch der Kachelboden im Eingangsbereich hinter der Haustür besteht aus Originalkacheln der 20er Jahre. Auch diese sind in einem sehr guten Zustand.

Wohnung Straußstr. 15, 1. Etage

In der gesamten Wohnung befindet sich ein Fußboden aus alten Holzdielen aus den 1920er Jahren. Bei meinem Einzug hatte ich die Dielen abgeschliffen und versiegelt. Der Boden ist in einem guten Zustand, an manchen Stellen z.B.in der Küche müsste er einmal nachgeschliffen werden.

Die Aufteilung, Größe und Deckenwölbungen der Räume entsprechen ebenfalls dem Baustil der Entstehungszeit der Siedlung und sind bis jetzt nicht verändert worden. Auch finden sich noch originale Farbspuren der Erstbemalung der Räume an einzelnen Stellen der Wände.

Im Wohnzimmer, also in der guten Stube, befinden sich im Wandbereich des Heizofens Kacheln aus den 20er Jahren. Sie wurden damals als Wandschutz vor Verschmutzung und Hitze angebracht. Auch in einer Wohnung mit Heizung können sie den Raum als ästhetischer Blickfang aufwerten.

Der Balkon

Der Balkon ist ein ganz besonderer Clou dieser Wohnung. Er ist sowohl vom Wohnzimmer als auch vom Schlafzimmer aus begehbar. Er ist zum Teil überdacht. Er ist wie ein fünftes Zimmer in dieser Wohnung. Die Bauweise und Ästhetik dieses Balkons ist einzigartig. Die im Laufe der Zeit entstandenen Mängel der Fassade sind leicht auszubessern.

Fazit

Mit geringem Renovierungsaufwand der Fassaden und der Innenwände, mit dem Einbau einer Heizung und gegebenenfalls der Erneuerung der Wasser- und Elektroleitungen könnte man diese wunderschöne Wohnung als einmaliges Dokument des Baustils der 1920er Jahre erhalten und sie könnte so durchaus auch den Ansprüchen an modernes Wohnen genügen.

2. Reparieren statt Sanieren:

Gemeinsam mit dem renommierten Professor für Denkmalschutz Prof. Dr. habil. Roland Günter vertreten wir nach wie vor die Auffassung, dass eine kostspielige Sanierung unnötig und auch unter Gesichtspunkten des Denkmalschutzes sinnwidrig ist. Vielmehr würde eine punktuelle Reparatur der Gebäude (Fassaden, Statik, Treppenhäuser, Wohnungen) sowie Renovierung der Gebäude-Infrastruktur (Strom, Heizung, Wasser, Energieeffizienz) eine schnellere und kostengünstigere Nutzbarmachung der Straußsiedlung ermöglichen. Praktisch heißt dies, dass wir gemeinsam und Punkt für Punkt festlegen, was genau repariert werden muss und wie. Die historische Bedeutung des Objektes liegt auf der Hand. Der Finanzrahmen wird nicht höher sein als Sie üblicherweise einsetzen, sondern eher niedriger ausfallen. Als Referenz verweisen wir auf die Siedlung Eisenheim in Oberhausen, seinerzeit dirigiert von Prof. Niklaus Fritschi (Düsseldorf).

Professor Günter hat auch Anregungen zur Gestaltung des Straußplatzes und der Straßenplanung, die den historischen und städteplanerischen Ansprüchen genügen.

Dazu würden wir gerne mit Ihnen vor Ort sprechen und die Einzelheiten erörtern. Eine Mieterin hatte bereits Kontakt mit den verantwortlichen Molestina- Architekten in Köln aufgenommen, die an einer gemeinsamen Begehung ihrer Wohnung und der Siedlung Interesse signalisiert hatten.

3. Projektideen der Straußhaus-Initiative:

Nachdem im ersten Gespräch zwischen Initiative Straußhaus und der GEBAG Einigkeit über eine gemeinwohlorientierte Entwicklung der Straußsiedlung deutlich wurde, wollen wir im Folgenden einige Ideen vorstellen, mit denen sich eine sozial und ökologisch nachhaltige Wiederbelebung/ Modernisierung/Sanierung der Straußsiedlung durch konkrete Projekte realisieren und ergänzen ließe. Neben der Wiederbelebung des Mietertreffs als Begegnungsort und der Umsetzung eines integrativen Gemeinschaftsgartens nach dem Vorbild Rheinhausen – worüber sich erfreulicherweise schon im Treffen weitgehende Übereinkunft abzeichnete – wollen wir auch die Idee eines interkulturellen Wohnprojektes vorstellen, wofür vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten mit unterschiedlichen Kooperationspartnern (insbesondere in Bezug auf Fördermittel) in Aussicht stehen.

3.1. Nachbarschaftscafé im Mietertreff

Den ehemaligen Mietertreff könnte man als ein Informations- und Nachbarschaftszentrum gestalten, in dem z.B. Fotos zur Entwicklung der Siedlung ausgestellt werden. So könnte die Siedlung als ein touristisch interessanter Haltepunkt im Katalog der Route Industriekultur aufgenommen werden. Falls es interessierte Besucher gibt, könnten auch die Wohnungen an bestimmten Terminen besichtigt werden.

Viele städtische Initiativen klagen in Duisburg seit Jahren über fehlende Freiräume für nachbarschaftliches Engagement. Der ehemalige Mietertreff in der Straußsiedlung war ein solcher Freiraum. Wir wollen diesen Ort wiederbeleben. Wir sehen dies als ersten Schritt der gemeinsamen Entwicklung der Straußsiedlung, der sich innerhalb weniger Monate realisieren lässt. Die Beteiligten der Initiative Straußhaus erklären sich bereit, in Eigenverantwortung die Räumlichkeiten als Treffpunkt für Nachbarn und Interessierte herzurichten. Spätestens zum Mai 2018 wollen wir den Raum mit einem kleinen Nachbarschaftsfest eröffnen, das wir als Startpunkt des transparenten Entwicklungsprozesses der zukünftigen Straußsiedlung sehen. Er kann einerseits der Initiative als Treffpunkt dienen, in dem weitere Projekte, wie der Gemeinschaftsgarten oder ein interkulturelles Wohnprojekt, erarbeitet werden können. Andererseits bietet er der GEBAG die Möglichkeit vor Ort Präsenz zu zeigen und über die Planungsschritte zu informieren. Dabei sehen wir den Raum sowohl als Informations- und Vernetzungsbüro während der Bauarbeiten, als auch als zukünftiges selbstverwaltetes Nachbarschaftscafé und Mieter*innenbüro nach Fertigstellung der neuen Straußsiedlung.

Eine zeitnahe Umsetzung des Projektes ist möglich: erneutes Treffen zwischen Initiative und GEBAG und Begehung des Mietertreffs Anfang Februar, (Zwischen-)Nutzungsvereinbarung und Schlüsselübergabe an die Initiative Anfang März, 2-monatige gemeinsame Renovierung und selbstorganisierte (provisorische) Einrichtung bis zur Eröffnung Anfang Mai. Sie stellt die Ernsthaftigkeit beider Parteien auf die Probe und sendet ein Signal der Annäherung in die Öffentlichkeit. Auf der Eröffnungsfeier wäre eine Einladung der Projektinitiator*innen des Heimatgartens in Rheinhausen denkbar, sowie eine gemeinsame Diskussion über das „Wohnen in Zukunft“ mit Vertreter*innen der GEBAG. Außerdem könnten ehemalige Bewohner*innen eine Ausstellung zur Geschichte der Straußsiedlung vorbereiten.

3.2. Gemeinschaftsgarten (Erhalt der Bäume und Grünflächen und gemeinsame Nutzung)

Einige gepachtete Gartenparzellen werden bereits von den anwohnenden Mietern genutzt und bewirtschaftet. Zentrales Anliegen dieses Projektes ist nicht nur die gemeinsame Nutzung des Gartens als sozialintegrativen Ort, sondern auch der Erhalt der Grünflächen sowie der großen Bäume, die maßgeblich zum Charakter der Straußsiedlung beitragen. Verständlicherweise kann ein Gartenprojekt erst nach Einzug zukünftiger Mieter*innen realisiert werden, jedoch fordern wir als Initiative eine Zusicherung des Erhalts der dafür benötigten Grünflächen inklusive Baumbestand. Wie genau dieses Gemeinschaftsgarten-Projekt aussehen könnte, wollen wir unter anderem im Nachbarschaftscafé mit alten und zukünftigen Nachbarn erarbeiten.

3.3. Interkulturelles Hausprojekt mit Geflüchteten

Gemischte Studierenden WG, Mehrgenerationen-Wohnprojekt, gemeinsame Betreibung des Nachbarschaftscafés. Mögliche Kooperation mit dem Refugee Support der Uni DUE, der für sein Konzept bereits in Kontakt mit der Bürgerstiftung Duisburg steht und auf der Suche nach Räumlichkeiten ist. Während die Bauarbeiten laufen bieten sich mehrere Gebäude zur Zwischennutzung für ein experimentelles Wohnprojekt an.

Wir wollen gemeinsam neue Formen des Zusammenlebens entwickeln und ausprobieren. Gerade für Studierende mit Fluchterfahrung ist es enorm schwer in Neudorf eine Wohnung oder WG zu finden. Wir sehen die Lösung in interkulturellen Wohnprojekten, mit denen wir gleichzeitig die Herausforderungen der Integration gemeinsam mit geflüchteten Studierenden angehen. Denkbar ist auch eine Kombination dieses Konzeptes mit einem Mehrgenerationen-Projekt, einem Bildungsprojekt wie „Tausche Bildung gegen Wohnen“ aus Duisburg Marxloh, oder das gemeinsame Betreiben des Nachbarschaftscafés mit den Bewohner*innen des Projektes.

Unser Ziel ist es jedoch, ein solches Wohnprojekt langfristig in der Straußsiedlung zu realisieren. Eine bloße Zwischennutzung eines leerstehenden Hauses wäre zwar auf den ersten Blick wünschenswert, ist jedoch nicht langfristig gedacht. Stattdessen könnte die GEBAG mit Hilfe der Bürgerstiftung Duisburg ein an den Mietertreff angrenzendes Haus langfristig zur Verfügung stellen, in dem ein zu gründender gemeinnütziger Verein das interkulturelle Wohnprojekt realisiert. Fördermittel aus den Bereichen kultureller Austausch, Bildung, und gemeinschaftliches Wohnen ließen sich zudem durch innovative Projektplanung generieren. Die vielfältige Expertise und das Engagement dazu sind in der Initiative Straußhaus (dank guter Vernetzung stadt- und kulturpolitischer Akteure) bereits vorhanden. Wir würden diese Idee und die unterschiedlichen Möglichkeiten der Umsetzung im Verlauf des Jahres 2018 gerne mit der GEBAG gemeinsam erarbeiten.

4. Sozialökonomische und politische Forderungen:

Angesichts der Sozialstruktur Duisburgs sollte gerade die städtische Wohnungsbaugesellschaft ihr Hauptaugenmerk auf sozialen Wohnungsbau richten. Da auch Studierende oft nicht mehr Geld zur Verfügung haben und in den letzten Jahren sozialer Wohnraum immer knapper wird, fordern wir eine Quote von 70% Sozialwohnungen (Bindung des Mietpreises an das Limit des Jobcenters gemäß den Leistungen für Unterkunft und Heizung nach § 22 Zweites Buch Sozialgesetzbuch) in der neuen Straußsiedlung, begleitet von bezahlbaren Wohnungen für Familien aus mittleren Einkommensschichten. Ein Mietpreis von über 7 € pro Quadratmeter wäre für die Mehrheit der im Ruhrgebiet lebenden Menschen schlicht nicht bezahlbar, gilt daher aus unserer Sicht bereits als Luxus und ist generell für die Straußsiedlung nicht akzeptabel.

Die Prozesse der Entscheidungsfindung speziell in Bezug auf Stadtentwicklung und den Wohnungsbau sind generell zu hinterfragen. Wir fordern mehr Transparenz und Mitspracherecht für die Bewohner*innen der jeweiligen Viertel. Dies geht über Informations-Veranstaltungen und das alternativlose Abnicken schon festgelegter Baupläne hinaus und verlangt die Einbeziehung interessierter Bewohner*innen in den gesamten Ideen- und Entscheidungsfindungs-Prozess.

Wir sind uns bewusst, dass diese intransparenten Verfahren kein Skandal sind, sondern gängige Praxis in fast jeder Stadt. Dennoch wollen wir genau diese Praxis ändern. Nur durch eine Erneuerung und Erweiterung der demokratischen Teilhabe lässt sich der zunehmenden Ablehnung großer Bevölkerungsteile gegenüber der Politik begegnen. Die Stadtgesellschaft zusammenzuhalten sollte im Interesse aller Beteiligten sein und ist letztlich unsere grundlegende Motivation in der Straußsiedlung neue Formen der demokratischen Partizipation und des solidarischen Zusammenlebens auszuprobieren.

Die Straußhaus Initiative — Duisburg, den 24.01.2018

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